Olivier Fillieule
Diese Befragung hatte zwei Ziele : a) die Verwurzelung so genannter „rechtsextremer“ Einstellungen in der schweizerischen Bevölkerung zu untersuchen; b) die Gründe, insbesondere ideologischer Natur, herauszufinden, die Menschen in den zwei Schweizer Kantonen Zürich und Genf dazu veranlassen, sich in der gegenwärtig am äussersten rechten Rand des Parteienspektrums befindlichen Partei SVP zu engagieren. Um diese beiden Ziele zu erreichen, haben wir einen zweifachen methodischen Ansatz gewählt, das quantitative und das qualitative Monitoring. Zunächst haben wir in Sekundäranalysen die Selects-Daten ausgewertet, die wir anlässlich der letzten Schweizer Bundesratswahlen gewonnen hatten. Dann führten wir gründliche Gespräche mit politisch aktiven Anhängern der SVP, beobachteten Sitzungen und öffentliche Versammlungen sowie Info-Stände der Partei.
Zusammenfassung der wichtigsten Studienergebnisse: Die quantitative Analyse bestätigt, dass im Allgemeinen der grösste Teil der Wähler, die Werte und Einstellungen zum Ausdruck bringen, die wir als „rechtskonservativ“ und „gegen das Establishment gerichtet“ bezeichnen können, die SVP wählen. Ausserdem hat die Studie bestätigt, dass die Verteilung dieser Werte und Einstellungen in den beiden Kantonen Zürich und Genf unterschiedlich ist und bei den SVP-Wählern der beiden Kantone keineswegs gleich ausfällt.
Die qualitative Seite der Befragung hat ergeben, wie komplex (mal einheitlich, mal unterschiedlich) die Gründe sind, sich in dieser Partei zu engagieren, auch im Bereich der Wertvorstellungen.
Einerseits verbanden zwei gemeinsame Themen die politisch Aktiven, variabel je nach individueller Anschauung, Reihenfolge und Hierarchie, d.h. je nach sozialem Kontext und sozialen Merkmalen der Befragten:
a) ein Misstrauen gegen Ausländer. Das bedeutet, die Ansicht, dass der Themenbereich „Immigration/Asyl/Ausländerfragen“ als „problembehaftet“ empfunden wird; und die Ansicht, dass ein Misstrauen gegenüber ausländischen Mitbürgern logisch begründet sei. Die ausländischen Mitbürger müssten durch ihr Verhalten permanent unter Beweis stellen, dass sie niemanden „ausnützen“, dass sie zu einer wirklichen Integration bereit sind, tüchtig sind, der Schweiz gegenüber dankbar sind und das in sie gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen.
b) eine Verteidigungshaltung und Bindung an die Nation, die auf einem ausgeprägten Stolz, Schweizer Staatsbürger zu sein, beruht und den „Sonderfall“ Schweiz mit allem, was er beinhaltet, ausdrücklich begrüsst: mit seiner kulturellen (Rangfolge der Werte und Praktiken), politischen (direkte Demokratie, politische Neutralität und andere politische Institutionen), religiösen (christliche Zivilisation), aber auch wirtschaftlichen Bedeutung (ökonomische Erfolge). Diese Bindung drückt sich darin aus, dass Kritik aus dem Ausland, aber auch dem Inland selbst mit Unverständnis quittiert wird.
Andererseits zeigt die eingehende Analyse der Interviews, dass es kein einheitliches Profil des politisch aktiven SVP-Anhängers gibt, sondern eine Vielzahl von Profilen. Diese Verschiedenartigkeit beruht auf dem unterschiedlichen sozialen und biografischen Lebenshintergrund der Anhänger, die sich aus allen Bevölkerungsschichten rekrutieren. Das wird deutlich an den unterschiedlichen politischen Zielsetzungen der Anhänger, den Unterschieden in den Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zur Politik (ideologisch und abstrakt oder eher auf eigener persönlicher Erfahrung basierend). Insbesondere zeigt die vorliegende Befragung, dass es falsch wäre, die Gründe der Aktiven für ihr Engagement mit den offiziellen Vorgaben der Partei, mit deren Programmen, Plakaten und Reden gleichzusetzen. Unterschiede werden deutlich in Bezug auf den ökonomischen Neoliberalismus, der bei weitem nicht von allen befragten Anhängern befürwortet wird. Einige, in der Minderheit befindliche Anhänger zeigen eine gewisse Öffnung gegenüber einem „kulturellen Liberalismus": eine gewisse Sensibilität für die Ungleichheit von Mann und Frau beispielsweise oder für die Rechte sexueller Minderheiten. Eine kritische Haltung gegenüber dem politischen System, den Politikern und den Eliten ist vorhanden, aber bei weitem nicht systematisch vorhanden. Man trifft auf eine starke Bindung an das politische System (vor allem, was die Rolle des „Volkes“ in der halb-direkten Basisdemokratie angeht). Andererseits ruft das Funktionieren der Basisdemokratie bei bestimmten Anhängern auch Enttäuschungen hervor (besonders einen mangelnden Respekt gegenüber der Mehrheitsmeinung).
Diese Befragung geht auf der einen Seite über gängige Clichés über das politische Engagement der Befragten hinaus, die nur allzu oft als homogene Gruppe wahrgenommen werden; andererseits dokumentiert sie die grosse Bedeutung einer Rechtfertigung der nationalen Integrität und einer „Ausgrenzung“ ausländischer Mitbürger, die gerne unter eine Art Generalverdacht gestellt werden. Dieser Verdacht zeigt sich durch den häufigen Gebrauch des Wortes „Ausnützen“ und die damit verbundene unterschwellige Andeutung, alle Fremden würden die Schweizer potentiell ausnützen. Dieses Misstrauen führt in der Konsequenz zu einer Ausgrenzung Fremder, aber auch anderer Randgruppen der Gesellschaft (z.B. der Arbeitslosen). Auf der Basis unserer Erkenntnisse aus der vorliegenden Befragung raten wir den Mächtigen aus Politik, Verwaltung und Medien zu einem sehr vorsichtigen Umgang mit Worten wie „Ausnützen“ oder „Missbrauch“ in der öffentlichen Debatte, um eine Verstärkung dieser ausgrenzenden Einstellungen nicht zu unterstützen.
- [Zusammenfassung der wichtigsten Studienergebnisse] (pdf-Dokument)
- Medienmitteilung 14.5.2007: [Gründe für das Engagement in der SVP - Kein einheitliches Profil] (pdf-Dokument)
Weitere Informationen zu dem Projekt
Zusammenfassung: Mit diesem Forschungsprojekt sollen zwei Lücken geschlossen werden, die sich bei Untersuchungen über den Rechtsextremismus in der Schweiz manifestiert haben. Zum einen geht es darum, mehr über die Verwurzelung von rechtsextremen Wertvorstellungen zu erfahren, und zum andern soll Einblick in die Logik gewonnen werden, die bewirkt, dass sich auf der Grundlage dieser Wertvorstellungen ein individuelles Engagement entwickelt. Wir wollen uns also mit rechtsextremen Wertvorstellungen in der Schweizer Gesellschaft – und nicht nur in Gruppierungen, die als rechtsextrem eingestuft werden – befassen und die Gründe analysieren, weshalb sich solche Vorstellungen entwickeln können. Zudem möchten wir untersuchen, weshalb jemand dazu kommt, sich in der «populistischen Rechten» zu engagieren, in der diese Wertvorstellungen in mehr oder weniger deutlicher und mehr oder weniger euphemistischer Form wiederzufinden sind.
Bedeutung: Diese Forschungsarbeit soll detaillierte Erkenntnisse über das Phänomen des Rechtspopulismus liefern und aufzeigen, welchen Stellenwert er im allgemeinen Umfeld der politischen Werte und des politischen Aktivismus einnimmt. So kann diese Arbeit dazu beitragen, Vorschläge zu erarbeiten, wie der Rechtspopulismus eingedämmt werden kann.
Projektdauer: 1.6.2004–31.8.2006
Prof. Dr. Olivier Fillieule
Institut d’Etudes Politiques
et Internationales
Université de Lausanne
1015 Lausanne
Tel. +41 (0) 21 692 31 44
[olivier.fillieule@unil.ch]
Dr. Philippe Gottraux
Institut d’Etudes Politiques
et Internationales
Université de Lausanne
1015 Lausanne
Tel. +41 (0) 21 692 31 33
[philippe.gottraux@unil.ch]
Dr. Oscar Mazzoleni
Forschungsinstitut für Politik des Kantons
Tessin (USTAT)
Viale Franscini 32
6501 Bellinzona
Tel. +41 (0) 91 814 64 26
[oscar.mazzoleni@ti.ch]